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Weihnachtsbrief 2020

Liebe Freundinnen, liebe Freunde im Stern der Hoffnung,

Olive war 16-jährig, als ihre Mama an AIDS verstarb. Zu jung, um allein die Veranwortung für ihr Brüderchen zu übernehmen. In Benin galt sie auch als viel zu jung, um vom Geheimnis sprechen zu dürfen, das ihr die Mutter im Sterben anvertraut hatte.
Sie sei von diesem entsetzlichen Virus angesteckt worden und habe bei der Geburt des Jüngsten auch diesen infiziert. «Du musst seine Medizin verstecken», sonst drohe ihr Unheil, befahl sie noch.

Ihre Mama hatte sich Vodoos anvertraut – vergeblich. Für deren Heilkunde ist jedoch das Tabu eine wichtige Voraussetzung. «Niemand darf von unserer Krankheit etwas erfahren». Wo denn sollte Olive die Schachtel mit den Medikamenten verstecken? Wie konnte sie der Tante verheimlichen, dass sie mit dem Brüderchen zur Kontrolle der Virusdichte ständig wieder ins Krankenhaus musste?

Olive erinnerte sich, dass die Mama die Krankenschwestern von der «Solidarité Universelle» aus dem Haus gewiesen hatte, weil sich diese um HIV-Positive kümmern. Auf sich gestellt, fand sie den Weg zu diesem eigenen Werk des Stern der Hoffnung.

Die Zahl der HIV-positiven Kinder ist in ganz Westafrika noch immer sehr groß – viele werden aus der Angst vor dem Tabu nicht einmal diagnostiziert. Kinder wollen so sein wie die anderen Kinder. Und diese anderen müssen doch auch keine Medikamente nehmen! Sie lassen sie liegen – und sterben. Viele Eltern nehmen noch heute eher den Tod ihres Kindes in Kauf als das Tabu zu brechen.

Eine HIV-positive Mutter hat es mir anvertraut: «Wissen Sie, die Verbote schützen uns – das ist bei uns so.» Alle Mitarbeitenden versuchen mit Engelsgeduld, das tödliche Verbot zu durchbrechen – oft ohne Erfolg.

Das war in Brasilien vor zweiunddreißig Jahren nicht anders gewesen. Die Furcht vor der Diskriminierung, die Angst vor dem Ausschluss aus der Familie und vor der Verwerfung in der Gesellschaft beherrschte das ganze riesige Land. Heute ist das Schweigegebot über AIDS in Brasilien überwunden – der Stern der Hoffnung war stärker als die Angst.

Bruna hat ihre Familie gar nie kennengelernt. Sie war kaum einen Monat alt, als ihre Mutter an AIDS verstarb und ihr nichts als die Krankheit vererbte. Sie wurde von einem Waisenhaus an das nächste weitergereicht und sah sich immer neuen «Müttern» und neuen «Brüdern und Schwestern» gegenüber. Bruna mochte den Lärm dieser Häuser nicht – sie zog das Alleinsein vor. Darin konnte sie ihre Träume einfangen und die Helden aus den Legenden. Ein Prinz würde auch zu ihr, dem Dornröschen, kommen.

Mit 18 Jahren fand sie etwas Arbeit, eine ganz kleine Wohnung und Freunde, die sie in die Pfingstkirche integrierten. Da werde sie das AIDS-Virus los, hörte sie. So verschwieg sie ihrem Freund ihre virale Situation.

Das hätte sie beinahe das Leben gekostet. Ohne Medikamente erlitt sie erst eine Toxoplasmose, dann einen Schlaganfall, der sie lähmte. Der Prinz verschwand für immer. Doch im Hospiz «Casa Esperança», einem Haus des Sterns der Hoffnung in São Paulo, fand sie neue Freundinnen und Freunde, sie lernte im Rolli etwas tanzen und ist nie mehr allein. Heute ist sie überzeugt, dass der wahre Prinz erst noch kommen werde.

Das Covid-19-Virus hat dieses Hospiz leider nicht verschont. Drei Bewohner verloren ihr Leben, vier wurden auf der Intensivstation behandelt und erholen sich inzwischen. Eine Krankenschwester befindet sich noch immer in einem ernsten Zustand.

Das neue Virus lässt weder Flugreisen noch Veranstaltungen hier zu Lande zu. Die täglichen Begegnungen via Skype mit Patienten und Mitarbeitenden bringen uns jedoch noch näher zusammen. Und so wächst auch die Solidarität mit den durch das Virus Verletzten und Bedrohten.

Ich danke Euch von Herzen für diesen Mut, nicht einsam, sondern in der Not gemeinsam zu handeln. 

Ich wünsche Euch dieses Jahr erst recht das Glück des Friedens auf Erden und eine gute Gesundheit für Sie und alle Ihre Familienangehörigen,

Ihre Lisette Eicher

Stern der Hoffnung
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